Das Prinzip der sozialen Bewährtheit besagt, dass die Menschen in Situationen in denen sie entscheiden müssen, was zu tun oder zu glauben ist, sich anschauen, was andere Menschen in dieser Situation tun oder glauben und sich diesem Verhalten anpassen. Dieser Nachahmungseffekt kann sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen beobachtet werden.
Wir betrachten ein Verhalten in einer gegebenen Situation in dem Maß als richtig, in dem wir dieses Verhalten bei anderen beobachten.
Das Prinzip der sozialen Bewährtheit kann missbraucht werden, indem man einer Person die Information gibt, dass schon viele andere Personen (je mehr, desto besser) bereits genau dass getan haben, was man von ihr erwartet.
Unter zwei Bedinungen funktioniert das Prinzip der sozialen Bewährtheit besonders gut:
1. Unsicherheit: Wenn eine Situation mehrdeutig ist, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass sich die Aufmerksamkeit auf die Handlungen anderer ausrichtet und deren Verhalten als das richtige ansehen.
2. Ähnlichkeit: Man neigt eher dazu, es jemanden gleichzutun der einem ähnlich ist.
„Da 95 Prozent der Leute Nachahmer sind und nur 5 Prozent Vormacher, lassen sich die Leute mehr durch die Handlung anderer überzeugen als durch jedes andere Argument.“ Cavett Roberts
Einige Beispiele:
- „Lachkonserven“, also Einblendungen von Gelächter bei Sitcoms oder Sketchsendungen, sind einerseits bei den meisten Fernsehzuschauern sehr unbeliebt. Andererseits findet man sie show- und senderübergreifend in zahlreichen Fernsehformaten. Warum befürworten nun die Verantwortlichen der Fernsehsender trotzdem Lachkonserven, wenn sogar Schauspieler, Autoren und Regisseure diese ablehnen? Ganz einfach: Die Forschung zeigt, dass Sendungen mit Lachkonserven ein Publikum dazu bringen länger und öfter über Witze zu lachen und das gezeigte Format als komischer einzuschätzen. Lachkonserven sind kurioserweise bei schlechten Witzen besonders effektiv.
- Barkeeper legen am Anfang des Abends gerne einige Scheine in ihre Trinkgeldgläser, um den Gästen den Eindruck zu vermitteln, ein ganzer Schein als Trinkgeld ist „normal“.
- Massenprediger schleusen Personen in ihre Messen ein, die „spontan“ nach vorne kommen und eine Art „Ohnmachtsanfall“ bekommen, wenn der Prediger seine Hand auf ihre Stirn legt.
- Ein Produkt wird gerne mit dem Prädikat „meistverkauft“ beworben, so dass der Konsument gar nicht von den Vorzügen des Produkts überzeugt werden muss. Die Tatsache, dass viele Personen vor ihm das Produkt erworben haben, reicht den Werbern aus.
- In Fernsehsendungen, in denen Geld gesammelt wird, verwendet man sehr viel Zeit auf die namentliche Nennung von Zuschauern, die bereits gespendet haben.
- Manche Nachtclubbetreiber sorgen dafür, dass sich absichtlich eine lange Schlange vor dem Club bildet, obwohl sich drinnen nur wenige Besucher befinden.
- Verkäufer werden angewiesen, ihre Argumente mit den Hinweisen auf Leute, die das Produkt bereits gekauft haben, auszuschmücken.
- Phobien werden behandelt, indem man den Patienten eine Person im selben Alter(!) zeigt, die diese Ängste nicht besitzt. In einer Studie wurden Kinder im Vorschulalter, die Angst vor großen Hunden hatten, die Gelegenheit gegeben ein Kind im gleichen Alter dabei zu beobachten, wie es ohne jede Angst mit einem großen Hund spielt.
- Wenn ein Mensch in Not gerät (Ertrinken, Überfall, gesundheitliche Probleme), kann es passieren, dass diese Person genau dann keine Hilfe erfährt, wenn mehrere Personen die Situation beobachten können und bemerken, dass mehrere andere Personen auch Zeuge des Notfalls sind. Die Zeugen reagieren nicht wegen der „sozialen Kälte“ der Großstädte, sondern vielmehr, da sie die anderen Zeugen beobachten können und ihr eigenes Verhalten dem Verhalten der Gruppe anpassen. Je mehr Zeugen es gibt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass niemand helfen wird. Die Verantwortlichkeit des Einzelnen wird verringert.
- In Werbespots äußern sich „normale“ Leute auf der Strasse begeistert über ein bestimmtes Produkt. Es handelt sich dabei immer um „Leute, wie du und ich“, also Konsumenten, die uns ähnlich(!) sind. Obwohl die meisten Fernsehzuschauer sich darüber im klaren sind, dass es sich hier um Schauspieler handelt und die Szene gestellt ist, laufen diese Spots weiterhin in unterschiedlichen Variationen erfolgreich im Fernsehen.
(Aus: “Die Psychologie des Überzeugens” – Robert B. Cialdini)