Selbsterkenntnis und Selbstüberschätzung

„Three things are extremely hard: steel, a diamond, and to know one`s self.” Benjamin Franklin

Die aktuelle Forschung bestätigt dieses Zitat von Benjamin Franklin. Die meisten Menschen sind nicht in der Lage ihr eigenes Selbstbild, ihre Talente, Schwächen, Fähigkeiten und Charakter richtig einzuschätzen.

Kaum jemand ist in der Lage, ein realistisches Portrait der eigenen Person zu zeichnen. Vielmehr neigen wir alle dazu uns selbst in einem günstigeren Licht darzustellen, als es objektiv berechtigt ist. Natürlich gibt es offensichtliche Seiten, die wir realistisch benennen können: Eine unmusikalische Neigung, eine mangelnde sportliche Begabung, etc. Bei weniger konkret messbaren Eigenschaften dagegen beginnt sofort die eigene Selbstüberschätzung.

Beispiele:

-Über 80% der Autofahrer glauben, dass sie zu den besten 5% gehören.

-Eine sozialpsychologische Studie ergab, dass die große Mehrheit der Teilnehmer sich für überdurchschnittlich sensibel, nachdenklich oder gefühlvoll hält.

-Besonders ausgeprägt ist die Selbstüberschätzung in den Bereichen, in denen wir begabt sind: Geschäftsleute und Ingenieure unterschätzen notorisch die Komplexität ihrer Projekte.

-Eine amerikanische Untersuchung ergab, dass 94% aller befragten Professoren davon überzeugt sind „weit Überdurchschnittliches“ zu leisten.

-In der Casting-Sendung „Deutschland sucht den Superstar“ finden sich regelmäßig Kandidaten, die den Ausschluss von dem Wettbewerb nicht ertragen können. Entweder betteln sie um eine weitere Chance oder verabschieden sich mit Sätzen, wie: “Ich weiss, dass ich gut bin. Ich werde meinen Weg trotzdem gehen. Ich glaube an mich.“

-Es gab in Deutschland in den letzten Jahren zehntausende Ich-Ag´s. Zwei Drittel sind nach relativ kurzer Zeit gescheitert. Neben der teilweise fragwürdigen ökonomischen Sinnhaftigkeit und den unterschiedlichen Motiven war auch die Selbstüberschätzung der eigenen Fähigkeiten ein wesentlicher Faktor für das Scheitern.

-Studenten aller Fachrichtungen schätzen ihre Intelligenz und fachlichen Fähigkeiten höher ein, als es die objektiven Leistungen und Messungen in Tests und Noten ergeben.

-In einer Studie wurden Frauen befragt, wie sie auf sexuelle Belästigung reagieren würden. Fast alle antworteten: “Mit Zorn und entschlossener Gegenwehr“. Eine genauere Analyse zeigt dagegen, dass die meisten Frauen eher mit Angst und Rückzug reagieren.

-Ironischerweise glaubt eine Mehrheit aller befragten Gruppen und Altersschichten, dass sie zu einer besseren und ehrlicheren Selbsterkenntnis fähig sind als die große Mehrheit ihrer Mitmenschen.

Je dümmer und inkompetenter jemand ist, desto schlechter ist auch seine Fähigkeit, sich selbst und die eigenen Fähigkeiten richtig einzuschätzen. Der Psychologe David Dunning nennt dieses Phänomen „blissful ignorance“ (etwa: gnädiges Unwissen)Er hat zwei Gründe für die Selbstüberschätzung herausgefiltert:

1)Überzogener Optimismus

2)Die Illusion der Überdurchschnittlichkeit

Ein weiterer Grund für unsere Überschätzung liegt in dem Problem der objektiven Rückmeldung. In der Mathematik gibt es eine richtige Antwort und im Sport einen Schnellsten. Aber wer ist der Intelligenteste in einer Gruppe? Wer hat den besseren Roman geschrieben? Wer hat das bessere Bild gemalt? Wer hat die bessere Musik komponiert und das bessere Haus entworfen?

In mehrdeutigen Situationen neigen wir dazu unsere eigenen Qualitäten zu unserem Vorteil zu definieren. Besonders Eigenschaften, die wir willentlich beeinflussen können, wie z.B. Gewissenhaftigkeit, Kooperation, Disziplin, etc., werden von uns überschätzt.

Auch wenn der Gedanke für manch einen unangenehm ist: Familienmitglieder, Freunde, Vorgesetzte und Kollegen können unsere Fähigkeiten und Eigenschaften besser einschätzen als wir selbst.

Der Vorteil eines präzisen Selbstbild führt in unserem Alltag zu sinnvollen Entscheidungen und zu passenden Lösungen in wichtigen und weniger wichtigen Lebensfragen. Welche Schulfächer machen Sinn, welcher Studiengang passt zu mir, welcher Partner , welche Freunde, Sport, Verein, Partei, Religion und welcher Urlaubsort entspricht meinem Charakter?

Was kann man tun, um seine Selbsteinschätzung ein wenig zu verbessern:

-Die besten Vorhersagen für künftiges Verhalten ermöglicht der ehrliche Blick ohne rosa Brille auf ähnliche Situationen in der Vergangenheit.

-Ein Feedback systematisch suchen und auswerten. Dieses Feedback sollte möglichst spezifisch, rechtzeitig und regelmäßig sein.

-Wertvolles Feedback erhält man von Freunden und Kollegen. Das Feedback von Gleichgestellten regt stärker zur Selbstreflexion an als andere Formen der Rückmeldung.

-Besondere Vorsicht ist geboten, wenn eine Aufgabe besonders leicht erscheint und man von den eigenen Fähigkeiten völlig überzeugt ist. Pleiten finden sich besonders häufig bei Restaurants, Modeboutiquen, Weinhandlungen und Bars. Die meisten Menschen glauben, dass man hierfür keine besonderen Fähigkeiten benötigt.

(Aus: Psychologie Heute-compact – Selbsterkenntnis)

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Kopf veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s