Der „Werther-Effekt“

Suizidgeschichten in den Medien führen zu einem Anstieg der Selbstmordraten.

Verblüffenderweise führen Suizidberichte einzelner Personen zu einem Anstieg der Selbstmorde von einzelnen Personen. Berichte über „erweiterte Suizide“ (z.B. absichtlicher Autounfall oder Flugzeugabsturz) führen zu einem Anstieg der Suizide, bei denen mehrere Menschen sterben.

Der Soziologe David Phillips erklärt diese Zusammenhänge anhand des Phänomens „der Werther-Effekt“.

Vor über 200 Jahren veröffentlichte Johann Wolfgang von Goethe den Roman “Die Leiden des jungen Werther“. Der Protagonist Werther begeht am Ende des Romans Selbstmord.

Dieses überaus erfolgreiche Buch machte Goethe damals berühmt und führte zu einem weiteren Phänomen, eine Reihe von Nachahmesuiziden über ganz Europa. Dies führte dazu, dass der Roman in zahlreichen Ländern verboten wurde.

Phillips fand heraus, dass unmittelbar nachdem ein Suizid auf den Titelseiten thematisiert wurde, es in den Gegenden, in denen die Berichterstattung besonders ausführlich war, zu einem deutlichen Anstieg der Suizidraten kam. Die Nachricht vom Suizid eines anderen Menschen lässt eine erschreckend hohe Zahl von Menschen zu dem Schluss kommen, dass auch für sie der Suizid eine angemessene Haltung ist.

Eine andere Variante ist der „getarnte“ Suizid. Hier will die Person vermeiden als Selbstmörder identifiziert zu werden, sei es um den Ruf zu schützen oder der Familie die Schmach zu ersparen oder um in den Genuss von Versicherungsgeldern zu kommen. Es wird ein Unfall mit Absicht herbeigeführt (am Steuer eines Autos, als Beifahrer, als Pilot eines Flugzeugs, etc.).

Der Anstieg der Unfalltoten nach schlagzeilenmachenden Suiziden ist höchstwahrscheinlich Ausdruck eines im Verborgen wirkenden Werther-Effekts.

Dieser generelle Nachahmungseffekt lässt sich auch bei Straftaten und ihren Nachahmern erkennen. Es lassen sich hier regelrechte „Trends“ ausmachen. In den 70`er Jahren waren Flugzeugentführungen weit verbreitet, in den Achtzigern manipulierten die Täter Produkte im Supermarkt um Firmen erpressen zu können und in den Neunzigern sind es die Amokläufe in Büros, Werkhallen und Schulen gewesen, die zum Schreckgespenst wurden.

(Aus: “Die Psychologie des Überzeugens” – Robert B. Cialdini)

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